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„Wenn sie ’s nicht singen, gläuben sie ’s nicht“

Martin Luthers Choräle

Ein Konzert zum Gedenken an 500 Jahre Reformation


Sonntag, 30. April 2017, 18 Uhr
Johanniskirche, Magdeburg

Montag, 1. Mai 2017, 17 Uhr
Augustinerkirche, Erfurt

Sonntag, 14. Mai 2017, 18 Uhr (Einlass ab 17:40)
Heiliggeistkirche (Dominikanerkloster), Frankfurt
Um 17:20 gibt es einen Einführungsvortrag durch Christian Kabitz (Einlass ab 17:00).


Durch die Eindeutschung alter gregorianischer Hymnen und durch die Komposition und Neudichtung unzähliger Lieder hat Martin Luther die Gedanken seiner Reformation hör- und erfahrbar gemacht.

Diese Choräle sind die Quelle, aus der die Kirchenmusik seit dem 16. Jahrhundert schöpft. Sie gehören zum Schatz der ökumenischen Kirchenlieder und stehen über jedem konfessionellen Zwist.

In vielfältigster Weise, ob als einstimmiger Hymnus, als vierstimmiger Choral oder als mehrstimmige Motette, wird Luthers Vermächtnis erklingen. Der Augustinerpater Peter Reinl schlüpft in die Rolle des Bruder Martinus und trägt Texte Luthers vor.


Mitwirkende:

Einführungsvortrag

Beim Konzert am 14. Mai gab es Probleme mit den Lautsprechern, so dass einige Besucher den Einführungsvortrag nicht richtig hören konnten. Daher bieten wir Ihnen den vollständigen Text des Vortrags hier zum Nachlesen an. Alternativ haben wir diesen Text – für noch bessere Lesbarkeit – auch als PDF bereitgestellt: Einführung Lutherkonzert.pdf.


Wenn sie’s nicht singen,
gläuben sie’s nicht.

Martin Luther hat seinem Volk aufs Maul geschaut – und er wusste um die Kraft und die Macht des gesungenen Wortes. Deshalb steht dieses Zitat als Motto über dem heutigen Konzert.

Das gesungene Lied erfüllte damals zwei Anliegen: Zum einen sollte es als kämpferischer Choral eine Identität stiften und die Gemeinde im gemeinsamen Singen mit Optimismus stärken.

Völlig zu Recht hat Heinrich Heine das Lutherlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ als die Marseillaise der Protestanten apostrophiert. Zum andern vermittelte es alle wichtigen Glaubenssätze der jungen Reformation – es war praktisch das gesungene Lehrbuch für theologische Laien.

Luther hatte die zentralen Anliegen der Reformation, die theologischen Kernaussagen zu Buße und Gerechtigkeit, zu Schuld und Gnade, zu Taufe und Abendmahl in leicht singbare Lieder zu fassen.

Für dieses Konzert heute Abend habe ich aus dem unermesslich reichen Schatz an Musik der Reformation nur die Motetten, Choralsätze und Orgelwerke ausgewählt, die auf von Luther gedichtete Choräle zurückgehen.

"Denn es liegt viel daran, dass einer wisse, was und warum er singe!"

Noch ein Zitat –

und dieses stammt von dem gelehrten lutherischen Pfarrer Cyriakus Spangenberg, der in der Vorrede zu seinem Gesangbuch von 1568 schreibt:

"Denn das ist gewiss,
wo man mit rechtem Ernst
von Herzen fein bedächtig
rechtschaffene reine geistliche Lieder singet,
da wird Gott gelobet,
gerühmet, gepreiset,
gedanket, angerufen
und ihm alle gefällige Gottesdienste geleistet –
der Mensch zu rechter Andacht gereizet,
aller Hauptartikel göttlicher Lehre,
sonderlich der evangelischen Verheißung erinnert,
selbst gestärket,
einander gelehret,
ermuntert, ermahnet –
und auf beiden Teilen das Herz getröstet,
die Seele erfreuet,
das Gewissen gestillet,
die Hoffnung gemehret,
das Kreuz gelindert,
die Furcht und Traurigkeit gemindert,
die Engel erlustiget,
die Teufel vertrieben
und verscheuchet."

Das ist mal eine Vorrede!

Um die Bedeutung des reformatorischen Kirchenliedes einordnen zu können, ist es nötig, einen Blick zurück zu werfen.

Im Gottesdienst vor der Reformation dominiert der Gregorianische Choral, d.h. in lateinischer Sprache gesungene Antiphonen, Hymnen und sonstige liturgischen Gesänge.

Die jeweiligen Sänger sind Priester, Chor und Schola. Die Gemeinde singt – wenn überhaupt – lediglich deutsche geistliche Volksgesänge, z. B. Marien- und Heiligenlieder.

Einer der Hauptverdienste des reformatorischen Liedschaffens ist die Aktivierung und Beteiligung der Gemeinde am gottesdienstlichen Geschehen, indem sie im Lied auf die Stationen des Gottesdienste und der Predigt antwortet.

Luther war musikalisch umfassend gebildet. Er erhielt in der Schule theoretischen und praktischen Unterricht, sang im Schülerchor, spielte Querpfeife und Laute und lernte im Augustinerkloster die Welt der Gregorianik kennen.

Die Musik hatte für ihn den ersten Platz nach der Theologie; sie ist – so schreibt er – ein Geschenk Gottes, und eine Trösterin.

Und er weiß ihre erzieherische, bildende Kraft zu schätzen.

1530 schreibt er in einem Traktat:

"Ich liebe die Musik,
weil sie die Seelen fröhlich macht,
weil sie den Teufel verjagt,
weil sie unschuldige Freude weckt.
Darüber vergehen die Zornanwandlungen,
die Begierden, der Hochmut...".

Die Reformation ist noch in den Kinderschuhen, da werden am 1.7.1523 in Brüssel auf dem Marktplatz zwei junge Augustinermönche öffentlich verbrannt, weil sich zur lutherischen Lehre bekannt hatten.

Der Tod dieser ersten Märtyrer der Reformation veranlasst Luther, ein Protestgedicht zu veröffentlichen. Dieses ist der Beginn seines Liedschaffens. Und es ist der Beginn unseres Konzertes.

Im Januar 1524 schreibt er in einem Brief an seinen Mitstreiter Georg Spalatin:

"Wir planen für die Gemeinde deutsche Psalmen zu dichten, geistliche Gesänge, damit Gottes Wort auch gesungen im Volk lebe. Darum suchen wir allenthalben Dichter!

Neue, modisch-elegante Töne sähe ich freilich gerne vermieden; denn um die Gemeinde zu gewinnen muss man ganz schlichte, landläufige, aber zugleich immer saubere und treffende Ausdrücke wählen, und der Sinn sollte klar und möglichst psalmgetreu sein.

Daher muss man frei und ohne Rücksicht auf den Wortlaut den Sinn durch andere geeignete Worte übertragen."

Die Psalmen bieten sich als Textgrundlage förmlich an. Ursprünglich ja als Lieder entstanden, sind sie aufgrund ihres regelmäßigen metrischen Aufbaus und ihrer starken dichterischen Bilder geradezu prädestiniert, in Choräle umgewandelt zu werden.

Schon im Jahr 1523 schafft Luther sechs solcher Psalm-Lieder, zu denen er teilweise auch die Melodien komponiert; unter anderem sind dies: Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Es woll uns Gott genädig sein, Ach Gott, vom Himmel sieh darein.

Letzteres Lied wird auch heute Abend erklingen; in der Historie der Reformation spielte es eine wichtige Rolle.

Denn Martin Luther hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass sein Bekenntnislied – das gerade erwähnte »Ach Gott, vom Himmel sieh darein« nicht nur von Protestanten gesungen wurde, sondern auch von Katholiken.

Freilich benutzten diese nicht den Text des Reformators, sondern eine sogenannte Kontrafaktur. Abgedruckt ist dieser »Gegentext« in einem katholischen Gesangbuch, das der Bautzener Theologe Johann Leisentrit 1567 herausgegeben hatte.

Leisentrit erhebt in diesem Lied schwere Vorwürfe: Durch die »List der Ketzer« seien die Menschen verführt worden, der Glaube drohe »in diesen unsern Landen zu verlöschen «.

Freilich hinderte Leisentrit dies nicht daran, die Melodie von der Vorlage zu übernehmen und für seine Zwecke zu gebrauchen.

Offenkundig wollte er an die Bekanntheit des Lutherliedes anknüpfen. Diese Bekanntheit allerdings resultierte aus einem genialen Trick des Reformators, den er für mehrere seiner 42 Lieder angewandt hatte.

Er versah einfach aktuelle weltliche Lieder mit neuem Text.

Dazu meint er:

„Gassenhauer, Reiter- und Bergliedlein, christlich, moralisch und sittlich verändert, müssen wir haben.

Damit böse und ärgerliche Weisen, unnütze und schandbare Liedlein anderswo zu singen mit der Zeit vergehen möchten, wenn man christliche, gute, nützliche Texte und Worte dazu haben könnte!“

Für das bekannte Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“ gab es ein Kranz-Rätsellied als Vorlage, das schöne „Innsbruck, ich muss dich lassen“ wurde zu „O Welt, ich muss dich lassen“ und aus Giovanni Gastoldis fröhlichem Tanzlied „A lieta vita“ wurde unser bekannter Choral „In dir ist Freude“.

Für die Protestanten entwickelte sich Luthers Choral »Ach Gott, vom Himmel sieh darein« jedenfalls schnell zu einem konfessionellen Kampflied.

Erbauliche Legenden unterstrichen die Bedeutung des Chorals. So soll es in verschiedenen Städten die Einführung der Reformation begünstigt haben; sie sei regelrecht »ersungen« worden, meint der Hymnologe Eduard Emil Koch.

Aus Lübeck wurde beispielsweise berichtet, anno 1529 habe ein Priester begonnen für den Papst zu bitten. Zwei Knäblein hätten daraufhin das Lied »Ach Gott, vom Himmel sieh darein« angestimmt und es zusammen mit der Gemeinde zu Ende gesungen. Der Priester wurde überstimmt.

Dies war der Beginn der Reformation in der Hansestadt; und so geschah es, »dass dieses einzige Liedlein mehr ausrichtete, als viel menschliche Kraft und Klugheit nicht hätten ausrichten können.«

Die Jahre 1523/24 sind die fruchtbarsten in Luthers Liedschaffen. In dieser kurzen Zeit entstehen 2/3 seiner "Gesamtproduktion", nämlich 24 Lieder unterschiedlichster Gattung und Funktion.

Ein Blick in Luthers Werkstatt macht dabei seine Verfahrensweise deutlich. Luther sammelt und prüft das bereits vorhandene Liedgut. Er will nicht um jeden Preis Neues schaffen, seine Anlehnung an die Tradition ist Absicht, um das dem Volk Bekannte zu neuem Leben zu erwecken.

Er mustert den Bestand, den er aus dem klösterlichen liturgischen Gebrauch kennt und überträgt die altkirchlichen Hymnen und die gregorianischen Antiphone.

So entstehen unter anderem die Lieder „Nun komm. der Heiden Heiland“, „Verleih uns Frieden gnädiglich“ und „Christ lag in Todesbanden“. Die zugrunde liegenden alten Hymnen lassen wir heute Abend für Sie, liebe Gäste, auch jeweils durch die Choralschola am Frankfurter Dom anstimmen.

Nun habe ich bisher nur von den Chorälen gesprochen, nicht aber von dem unglaublichen Schatz an Kirchenmusik, der durch diese Lieder entstanden ist. Denn schon bald rankt sich um den einfachen Choral im Gottesdienst ein ganzer Strauß von sich entfaltender Musik.

Der einstimmige Gesang wird zweistimmig, dreistimmig, vierstimmig, ja mehr und mehr mehrstimmig.

Es entwickelt sich das konzertante Element – also Musik, die nicht mitgesungen wird, sondern der man zuhört.

Es entsteht daneben eine bunte Landschaft der Orgelmusik – das Instrument begleitet nicht nur den Gemeindegesang, nein, die Orgel leitet das gemeinsame Singen durch Vorspiele ein, aber wird ebenfalls zunehmend konzertant. Die geistliche Abendmusik wird in Lübeck erfunden – eine Stunde voll choralgebundener Musik, der sich ab und an eine Fantasie, eine Sonate, ein Ricercare hinzugesellen, also freie, nicht choralgebundene Werke. All dieses Singen und Klingen hat seine angestammte Heimat in der Kirche.

Dadurch bekommen die freien Stücke ihre Legitimation als Teil des Gottesdienstes – ein Vorgehen, das im katholischen Gottesdienst unmöglich gewesen wäre.

Anhand unseres Programmes heute Abend ist die Entwicklung dieser Musik, aus der sich alles speist, was bis heute an Kirchenmusik entstanden ist, gut abzulesen.

Der einstimmige lateinische Gesang wird durch Luther zum zuerst einstimmigen Choral.

Die Komponisten der Reformation probieren nun alles aus, was man mit diesem „NEUEN LIED“ anstellen kann.

Relativ einfach ist der schlichte vierstimmige homophone Satz, d.h. alle vier Stimmen singen Silbe für Silbe immer dasselbe. Das hören sie beispielhaft im Choral Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich

Die erste Steigerung sind die kleinen Unregelmäßigkeiten, die die Mittelstimmen Alt und Tenor anbringen. Das zeigt beispielweise die Vertonung des Chorals „Nun komm, der Heiden Heiland“

Die nächste Steigerung ist beispielsweise die Technik, den Tenor die Melodie singen zu lassen, die anderen Stimmen widmen sich kunstvolleren Vorhaben. Das wird hörbar im Choral Vater unser im Himmelreich

Es geht weiter: Die Melodie läuft nicht mehr im Metrum ab (Vorsingen), sondern erscheint stückweise, die anderen Stimmen bilden Fragmente der Melodie ab. Das werden Sie im Choral „Du wertes Licht“ erleben.

Es geht weiter: drei Stimmen singen hintereinander Melodie-Bruchstücke, oder eine Stimme singt die Melodie, eine andere eine völlig freie neue Oberstimme. Das bringt die Bearbeitung von Ein feste Burg ist unser Gott.

Jetzt kommt eine völlig neue Baustelle: Wir haben Instrumente, und die spielen nicht einfach nur die Chorstimmen mit, sondern haben eigene Melodien. Das hören Sie im Vorspiel zu Vater unser im Himmelreich

Oder: Die Instrumente spielen etwas scheinbar völlig Neues, aber eine Stimme erscheint plötzlich und singt da hinein die originale Melodie. Welch Überraschung!

Ganz modern wird es, wenn der Komponist ganz einfallsreich ist und nur noch Anklänge an die originale Melodie benutzt und eine äußerst konzertante achtstimmig doppelchörige Motette aufs Papier wirft. Das ist in der großartigen Komposition Nun freut euch lieben Christen gmein. zu erleben.

Doch eine Motette aus unserem Programm will ich gesondert würdigen, weil sie etwas ganz Ungewöhnliches unternimmt.

Der Choral „Erhalt uns Herr bei deinem Wort“ wendet sich in seinen drei Strophen an die Heilige Dreieinigkeit.

Die erste Strophe Erhalt uns Herr bei deinem Wort ruft den Vater an, die zweite den Herrn Jesus Christ und die dritte den heiligen Geist.

Hans Leo Hassler schreibt – 100 Jahre vor Johann Sebastian Bach – dazu eine sechsstimmige Motette, bei der die Choralmelodie durch fünf der sechs Stimmen geführt ist.

Der Sopran II aber singt in diese kunstvolle Kombination der fünfstimmigen deutsch gesungenen Choralkomposition den alten gregorianischen Hymnus „Veni, sancte spiritus“ auf Latein, wobei die Idee schon mal grandios ist, aber die technisch-handwerkliche Leistung nicht hoch genug zu würdigen ist.

Auf Deutsch singt der fünfstimmige Chor: „Gott Heilger Geist, gib Einigkeit“ und holt den zur alten Kirche gehörenden gregorianischen Gesang „Veni, sancte spiritus“ – „Komm Heiliger Geist“ in die evangelische Motette. Ein frühes Beispiel für Oekumene…..

Dies, was Sie, liebe Gäste, heute abend hören werden, ist die Grundlage dafür, dass 150 Jahre später ein Johann Sebastian Bach seine Kantaten, seine Oratorien, Messen und Passionen schreiben konnte. Und dies ist vielleicht eine der größten Leistungen der Reformation, dass sie ein unermesslich reiches Feld an Musik nicht nur ermöglicht, sondern recht eigentlich gefordert hat.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!